Nordseeluft schnuppern
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Wiedermal ist es soweit, der Urlaub steht vor der Tür, drei Wochen segeln und abschalten. „Wo geht’s denn diesmal hin?" werden wir gefragt. „Auf die Nordsee!" Die Reaktionen reichen von „Oh, Gott!" bis „Wie kann man bloß?"
Nach über 30 Jahren Urlaub auf der Ostsee, die wir nun schon wie unsere Westentasche kennen, zieht es uns diesmal auf die Nordsee, zumindestens für mich ein völlig neues Segelrevier. Wenn ich ehrlich bin, ist auch mir etwas mulmig zumute, wie bei allem Neuen, hab ich mir da nicht zuviel zugemutet? Aber wenn ich an die vollen Ostseehäfen während der Sommerferien denke, ist das vielleicht die richtige Alternative.
Am Samstag, den 17.7.99, geht es bei gutem Nordwest los, und wir sind schon um 19Uhr vor der Schleuse Holtenau. Am nächsten Morgen gehen wir bereits um 8Uhr in die Schleuse mit einigen anderen Sportbooten und haben einen sonnigen Motor-Urlaubs- Tag auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Ich befahre zum ersten Mal diesen Kanal und genieße die Landschaft und das gute Wetter. Als wir um 19Uhr in Brunsbüttel ankommen, ist die Schleuse gerade geöffnet und lädt uns ein, gleich über die Elbe nach Cuxhaven zu segeln. Laut Tidenkalender ist gerade ablaufendes Wasser, und so sind wir, ehe ich mich versehe, auf der Nordsee bzw. Elbe. Das hat mein Skipper schlau eingefädelt, ich hatte nicht mal Zeit zu protestieren.
Nun geht es mit achterlichem Wind und mitlaufender Tide mit 8,9 kn in Richtung Cuxhaven. Das bringt ja richtig Spaß, wenn man plötzlich zu seiner normalen Geschwindigkeit noch einmal 3,5 kn geschenkt bekommt; ich bin begeistert. Kurz vor Dunkelwerden laufen wir in Cuxhaven ein und bekommen noch einen guten Boxplatz. Der Hafenmeister sitzt hier im Dunkeln in seiner Bude, er kann dann die einlaufenden Schiffe besser sehen, wie er uns sagt, und weiß auch gleich, daß wir mit einem braunen Boot an Steg 1 festgemacht haben. Das Hafengeld beträgt hier DM 14,- , ist also preiswerter als in den meisten Ostseehäfen.
Das mit der Tide hat mich so begeistert, daß wir am nächsten Morgen gleich mit ablaufendem Wasser wieder auslaufen Richtung Helgoland. Mittags machen wir im Helgoländer Hafen an einem 5er-Päckchen fest. Das Wetter ist so schön, daß wir gleich mit unserem Badezeug an Land gehen und uns mit einer Barkasse zur Düne hinübersetzen lassen. Hier befindet sich außer einer riesigen Düne auch noch ein kleiner Flugplatz. Wir können aussuchen zwischen Nordstrand oder Südstrand und entscheiden uns für den Südstrand. Während des Schwimmens taucht plötzlich ein schwarzer Kopf neben mir auf, und dann noch einer und eine ganze Reihe. Seehunde schwimmen hier lustig neben den Badenden her und betrachten die Menschen wie wir die Affen im Zoo.
Gegen Abend fahren wir wieder zurück auf die Hauptinsel, inzwischen sind die Touristendampfer alle wieder weg, und Helgoland gehört wieder den Helgoländern und den Seglern. Unser Päckchen ist inzwischen auf ein 9er-Päckchen angewachsen, das Päckchen vor uns zählt 12 schwedische Boote, wahrscheinlich eine Geschwaderfahrt, und vor diesem Päckchen noch mal eins mit ca. 14 Booten. Das ist auf Helgoland ganz normal. Das Hafengeld beträgt 15,-DM + 2x 5,-DM Kurtaxe, also insgesamt 25,-DM. Duschen und Toiletten gibt es dafür nicht. Man kann in einem nahegelegenen Restaurant diese Dinge gegen bare Münze erledigen.
Da wir gerade unseren x-ten Hochzeitstag haben, lädt mich der Skipper zum Hummeressen ein. Ich freue mich schon riesig. In dem Bistro am Hafen sind Hummer gerade aus. Also suchen wir uns ein anderes Lokal. Wir finden eins mit herrlichem Blick über die Nordsee. Hummer gibt es hier, man kann sie sich in einem Aquarium aussuchen, in dem sie lebend herumschwimmen. Mein Appetit ist schon etwas gedämpft, als mich diese Tiere so treuherzig ansehen. Als dann die Bedienung einen heraushebt und wiegt und uns mitteilt, daß dieser Hummer DM420,- kostet, einschließlich Soßen und Toastbrot, ist mein Appetit auf Hummer vollends hin, und wir entschließen uns für Steinbeißerfilet und Haifischsteak.
Als wir später zum Hafen zurückkehren, zieht eine violettschwarze Gewitterwand auf, und heftige Gewitterböen peitschen durch den Hafen. Alle Leinen werden hervorgeholt und zusammengeknotet, und von jedem zweiten Boot geht eine Leine an den Schwimmsteg. Es sieht aus wie ein riesiges Spinnennetz.



