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Mit "Alhena" unterwegs 1998

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Bericht über die Atlantiküberquerung des Mitglieds Wolfgang Gerstenberg mit seiner Bandholm 30, Alhena

Das Jahr 1998 war das "Jahr der Ozeane". Was lag also näher, einen langgelegen Traum vom Ozeansegeln jetzt zu verwirklichen ! Unser Boot "Alhena" (ex "Auricula"), eine 26 Jahre alte Bandholm 30, hatte sich in den vergangenen Jahren in der Ostsee gut bewährt. Um den bevorstehenden größeren Anforderungen gewachsen zu sein,wurde das stehende Gut erneuert und ein zusätzliches Vorstag montiert. Darüber hinaus gab es noch unzählige Arbeiten an der Ausrüstung- die Wochen verstrichen wie im Fluge. Inzwischen stand "Alhena" fast alleine in der Halle, das Ansegeln hatte längst ohne sie stattgefunden.

Aber auch die Besatzung tat sich schwer. Meine Frau, Gabriele, hatte sich zwar trotz großer Bedenken bereitgefunden, das große Abenteuer mit mir zu bestreiten, aber immer wieder kamen bei uns Zweifel auf, ob wir und auch das Boot den Herausforderungen gewachsen wären. Die Arbeitsliste wurde Punkt für Punkt abgearbeitet, aber statt kürzer wurde sie immer länger ! "Man wird nie fertig," tröstete mich ein amerikanischer Segelfreund, " die hauptsächlichen Punkte müssen erledigt sein, alles andere kann später nachgeholt werden !" So kam, nachdem ein letztes Sturmtief samt Trog nach Osten abgezogen war, der 15. Juli, unser Abreisetag !

Den Vereinskameraden mochte ich unsere Pläne nicht offenbaren. Große Pläne verkünden und dann u.U. nach wenigen Wochen "erfolglos" zurückkehren müssen, das wollte ich nicht. Nur der Takelmeister, Dieter Sprick, mußte informiert werden, damit die Liegeplatzverteilung im Winterlager und an der Brücke klar war. Unmittelbar vor dem Ablegen wurde er in unsere Pläne eingeweiht. Er half uns noch freundlicherweise beim Loswerfen der Leinen, dann ging es unbemerkt hinaus. Doch nicht ganz: Den Nachbarn war unsere Unternehmung nicht geheim geblieben. Eine Abordnung gab uns auf dem Molenkopf mit Transparent und Musik ein Abschiedsständchen: "Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise..." Es war ein eigenartiges Gefühl, die vertraute Umgebung, die Freunde und nicht zuletzt die eigenen Kinder- auch wenn sie längst auf eigenen Füßen stehen- für so lange Zeit zurückzulassen. Aber ein frischer Westwind ließ "Alhena" zügig laufen, bald war Fahrensodde, war Flensburg außer Sicht, das Abenteuer hatte begonnen. Bei Sonnenuntergang fiel der Anker in der Geltinger Bucht. Ruhe und Besinnung kehrten ein, eine erholsame Nacht.

In zwei Etappen ging es dann nach Kiel- Holtenau und durch den NOK nach Brunsbüttelkoog. Aber so bald ließ uns Neptun nicht in die Nordsee hinein: Starkwindwarnung ! Heftige Gewitterböen hatten alle Segler von der Elbe vertrieben, weiße Schaumkämme soweit man sehen konnte. Nun, wie der Sommer ´98 sich in Norddeutschland präsentierte, ist wohl jedem noch in Erinnerung. Wir brauchten viel Geduld, bis Wind und Wetter einen weiteren Sprung voraus erlaubten. So ging es dann über Helgoland, Borkum, Den Helder nach Ijmuiden. 14 Tage waren nun schon vergangen, und in den Segelhandbüchern hieß es, daß die Biskaya bis Mitte August passiert sein sollte ! Auf langen Wanderungen oder Radtouren per Leihrad versuchten wir uns abzulenken. Aber wenn es dann wieder regnete und in der Takelage pfiff, beschlich uns zunehmend das Gefühl, daß der Herbst bereits begonnen hätte. Durch die holländischen Binnengewässer und Kanäle wollte ich nicht gehen. Vielleicht öffnete sich ja gerade jetzt das ersehnte "Wetterfenster", und wir könnten es dann nicht nutzen. In Blankenberge/Belgien schien es dann aber soweit zu sein: Leichte südliche Winde, Sonne... Frühmorgens starteten wir, etliche Boote im überfüllten Hafen hatten dieselbe Absicht. Mit der Tide ging es zügig westwärts. Aber bereits mittags hatte der Wind auf WSW gedreht und legte zu. Bald bolzten wir zweifach gerefft gegen eine immer holpriger werdende See an. Weit und breit keine Mitsegler mehr, die hatten sich in die Häfen an der Küste verholt. Mir waren die Flachs und Sände nicht genehm, ich wollte die englische Küste erreichen ! In langen Schlägen kämpfte sich "Alhena" unter Selbsteuer voran, ich hockte im Niedergang unter der Sprayhood und Gabriele lag im Salon und war trotz der harten Stampfbewegungen ganz guter Dinge. Zum Glück leiden wir beide nicht unter Seekrankheit. Bei Flut wurde zwar der Seegang etwas moderater, dafür traten wir praktisch auf der Stelle. Deprimierend, wenn man sich nach zwei Stunden mühevollen Aufkreuzens wieder am Ausgangspunkt vorfindet ! Gegen Mitternacht bekamen wir endlich vor der Themsemündung Landschutz. Ramsgate wäre nun leicht erreichbar gewesen. Aber ich wollte nach Dover, um von dort eine bessere Ausgangsposition nach Westen zu haben. Die Zeit saß mir im Nacken ! Gabriele übernahm die Wache, und ich konnte eine Mütze voll Schlaf nehmen. Der Wind drehte weiter auf West, so daß wir nun bequem zwischen den Goodwin- Sänden und der Küste südwärts laufen konnten. Neun Seemeilen vor Dover schlief dann der Wind ein. Unter Motor bei Gegenstrom krochen wir mit ca. 3 kn auf die Hafeneinfahrt zu. Ein ständiges Kommen und Gehen der großen Fähren ! Über UKW erbat Gabriele für uns Einlaufgenehmigung. Man hatte uns wohl schon vom Tower aus gesehen, die Antwort lautete: "...with your highest possible speed ! !" "Alhena" gab sich Mühe und schlüpfte zwischen zwei Fähren in den Vorhafen. Über Funk wurde uns dann auch gleich ein Liegeplatz am Schwimmsteg vor dem Lock angewiesen, wo wir nach 32 Stunden auf See erschöpft aber in Hochstimmung festmachen. Die Sonne scheint, der Hafenmeister begrüßt uns freundlich - da schmeckt das Einlaufbier im Cockpit doppelt gut. Dann ab in die Koje ! Aus tiefem Schlaf erwachen wir um 21 Uhr. Jetzt aber schnell an Land ! Es ist warm, der Vollmond leuchtet, der Weg entlang der Uferpromenade ist richtig romantisch. Im Ort pulsiert noch das Leben, es ist Freitag, Wochenende, die Pubs sind brechend voll. Wir genießen die gute Stimmung ! Endlich haben wir den englischen Kanal erreicht, und das Wetter ist sommerlich !-



 
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